VERANSTALTUNGSARCHIV

Szenenfoto mit Chor aus der Aufführung "Herr Puntilla und sein Knecht Matti" mit Jutta Hoffmann als Eva, Berliner Ensemble 1996, Regie und Bühne: Einar Schleef © David Baltzer/bildbuehne.de


 
 
22. 10. 2013 - 19. 01,2014
Das Begleitprogramm
zur Ausstellung
Kontainer Berlin. Einar Schleef. Zeichnungen

 
Droge Faust Parsifal
Für das Jahr 1994 hatte das Staatstheater Nürnberg mit Einar Schleef eine Neuinszenierung von Wagners Parsifal vereinbart. Die radikalen Ideen des Theatervisionärs Schleef scheiterten jedoch am pragmatisch orientierten Betrieb, bereits bei der Bauprobe kam es zu unüberbrückbaren Differenzen. Das Theater beendete kurzerhand die Zusammenarbeit, und Schleef realisierte seine Inszenierung daraufhin in Buchform: In seinem Großessay Droge Faust Parsifal (1997) umkreist er den Parsifal von allen Seiten und konfrontiert Wagners Werk nicht zuletzt mit seiner eigenen Biographie.
Die Schauspielerin Jutta Hoffmann stand als Fräulein Julie in Strindbergs gleichnamigem Drama auf der Bühne (Berliner Ensemble, 1975, siehe Veranstaltung am 14. November) und hat dort die erste Erfahrung mit Schleefs Theaterarbeit gemacht. Als Rosa Luxemburg in seiner spektakulären Inszenierung Verratenes Volk (Deutsches Theater, 2000) und Eva in Brechts Herr Puntila und sein Knecht Matti (Berliner Ensemble, 1996) fand diese Zusammenarbeit weitere Höhepunkte.
Der Musikwissenschaftler und Theaterkritiker Wolfgang Behrens ist Autor der 2003 erschienen Biographie Einar Schleef. Werk und Person; er arbeitet als freier Publizist in Berlin. 2006 war Behrens Herausgeber des Bandes Einar Schleef. Kontaktbögen. Fotografie 1965 – 2001, zudem gab er 2008 den Band Fritz Marquardt. Wahrhaftigkeit und Zorn heraus. Seit 2007 ist Wolfgang Behrens Redakteur beim Internetportal nachtkritik.de.


Fräulein Julie
1972 verpflichtete die Intendantin des Berliner Ensembles Ruth Berghaus (1927-1996) den Regisseur B. K. Tragelehn. Dramaturg war damals Friedrich Dieckmann. Auf sein Anraten holte Tragelehn Schleef als Bühnenbildner. Zwischen 1972 und 1975 entstanden drei gemeinsame Inszenierungen: Katzgraben von Erwin Strittmatter (1972), Frühlings Erwachen von Frank Wedekind (1974) und Fräulein Julie von August Strindberg (1975). Die Premiere von Fräulein Julie mit Jutta Hoffmann in der Titelrolle, Jürgen Holtz als Jean und Annemone Haase als Kristin im April 1975 wurde zum kulturpolitischen Skandal, Fräulein Julie nach zehn ausverkauften Aufführungen vom Spielplan abgesetzt. Fast 40 Jahre nach der Premiere vereint diese Veranstaltung die Protagonisten zum Gespräch. Zur Einführung stellt der Theaterwissenschaftler Marko Kloß eine etwa 15-minütige Dokumentation vor, die den vorhandenen Originalton mit Fotos von der Inszenierung verbindet.
Friedrich Dieckmann studierte Germanistik, Philosophie und Physik und war von 1972 bis 1976 als Dramaturg am Berliner Ensemble tätig. Von ihm liegen Bücher über Friedrich Schiller, Franz Schubert, Richard Wagner, Bertolt Brecht und Karl von Appen vor, sowie mit Die Geschichte Don Giovannis. ein Band mit Essays zur deutschen Oper von Mozart bis Wagner (Insel Verlag 1991). Seit 1992 verfasste er vier Essaybände über den Prozess der deutschen Vereinigung und veröffentlichte 2008 Geglückte Balance. Auf Goethe blickend. Friedrich Dieckmann ist Mitglied der Akademien der Künste in Berlin, Dresden und Leipzig sowie der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Annemone Haase war von 1959 bis 2001 Schauspielerin am Berliner Ensemble, wo sie unter anderem unter der Regie von Erich Engel, Manfred Wekwerth, Joachim Tenschert und Ruth Berghaus in Haupt- und Nebenrollen zu sehen war. Sie wirkte in B. K. Tragelehns Inszenierungen von Frühlings Erwachen, Fräulein Julie und Das Leben des Galilei mit, 1993 auch in Schleefs Aufführung Wessis in Weimar von Rolf Hochhuth. Insbesondere nach 1990 war Annemone Haase auch in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen.
Jürgen Holtz spielte an allen großen Häusern Deutschlands, unter anderem unter der Regie von Benno Besson, B. K. Tragelehn, Einar Schleef, Heiner Müller und Peter Stein. Von 1974 bis 1977 am Berliner Ensemble engagiert, wirkte er dort auch in B. K. Tragelehns Fräulein Julie mit. 1993 wurde er Schauspieler des Jahres und erhielt 2013 den Deutschen Theaterpreis. Neben seiner Theaterarbeit war Holtz auch für Rundfunk, Film und Fernsehen tätig, u. a. 2012 als Erzähler im Hörspiel Ulysses nach James Joyce.
Jutta Hoffmann spielte u. a. bei Ruth Berghaus, Robert Wilson, Luc Bondy, Thomas Langhoff und Peter Zadek. Vor allem aber hat Einar Schleef sie geprägt, in dessen Inszenierungen sie vor und nach der Wende Hauptrollen übernahm. Neben ihrer Bühnentätigkeit arbeitete Jutta Hoffmann ab Mitte der 1960er Jahre regelmäßig als Film- und Fernsehschauspielerin. 1984 wurde sie Schauspielerin des Jahres. Von 1993 bis 2006 arbeitete sie an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg als Professorin für darstellende Kunst.
Marko Kloß studierte Theaterwissenschaft und Kulturwissenschaften an der Universität Leipzig und arbeitet als freier Projektkoordinator im Bereich der Theater-, Film- und Kunstvermittlung. Mehrfach war er für den Einar-Schleef-Arbeitskreis Sangerhausen tätig, für den er u. a. 2011/12 die Ausstellung Einar Schleef. Theaterplakate kuratierte, die anlässlich des 10. Todestages Schleefs in Halle, Leipzig, Berlin, Graz und Wien gezeigt wurde. Zuletzt war er als konzeptioneller Mitarbeiter am Centraltheater Leipzig tätig.
B. K. Tragelehn war Meisterschüler der Deutschen Akademie der Künste bei Bertolt Brecht und Erich Engel, anschließend freischaffend als Schriftsteller und Regisseur in Berlin tätig. Die Uraufführung von Heiner Müllers Stück Die Umsiedlerin an der Studentenbühne der Hochschule für Ökonomie Berlin-Karlshorst im Jahr 1961 führte zur Entsendung in einen Tagebau. Erst ab 1964 durfte Tragelehn wieder als Regisseur arbeiten. Seit 1979 lebte er in Westdeutschland und war seit 1987 Schauspieldirektor in Düsseldorf. 1989 kehrte er nach Berlin zurück und erhielt 1990 – gemeinsam mit Einar Schleef – den Fritz-Kortner-Preis. B. K. Tragelehn war der letzte Präsident des ostdeutschen PEN, ist seit 1997 Vorsitzender der Internationalen Heiner Müller Gesellschaft und Mitglied der Sächsischen Akademie der Künste.


Kontainer Berlin
Kontainer Berlin. Von 1961, dem Jahr des Mauerbaus, bis 1999, dem 10. Jahrestag ihrer Öffnung. Tagebücher und Texte hatte Einar Schleef eine Textsammlung überschrieben, die er als eigenständigen Band veröffentlichen wollte. Suhrkamp konnte sich mit dem Projekt nicht anfreunden und so flossen die Texte in die Tagebücher zurück. Sophie Rois liest das in den letzten Tagebuchband aufgenommene Vorwort zu Kontainer Berlin, außerdem eine Passage aus diesem Band.
Sophie Rois wurde am Max-Reinhardt-Seminar in Wien ausgebildet und hat seit 1987 Theaterengagements in Berlin an der Freien Volksbühne, am Renaissance- und am Schillertheater. Seit 1992 Mitglied des Ensembles der Volksbühne, spielt sie dort in zahlreichen Inszenierungen von Christoph Schlingensief, Frank Castorf und René Pollesch. Sophie Rois arbeitet zudem als Filmschauspielerin und hat an zahlreichen Hörbüchern mitgewirkt. Nach vielen anderen Auszeichnungen wurde sie 2012 Schauspielerin des Jahres.
Hans-Ulrich Müller-Schwefe, geboren 1946, studierte Germanistik und Philosophie und ist seit 1975 im Lektorat des Suhrkamp Verlags tätig. Er war Schleefs Lektor und dramaturgischer Berater. Gabriele Gerecke und Hans-Ulrich Müller-Schwefe sind Einar Schleefs Erben.


ver_SCHLIMM_bessern
Einsam sein ist, wenn man von den anderen verlassen wird. Allein sein heißt, dass man sich von den anderen entfernen kann – und allein ist es traumhaft. (Einar Schleef)
Eine Ausstellungseröffnung steht an. Der Künstler streift ein letztes Mal nervös durch die Räume, wartet auf neugierige Augen und den kritischen Blick der Presse. Dann die Ansage durch den Lautsprecher: Diese Vernissage findet nicht statt. Ist von offizieller Seite abgesagt. Ein schlechter Scherz? Die Lichter in den Räumen werden gelöscht. Zurück bleibt ein Kreativer, dem die Öffentlichkeit und die Auseinandersetzung mit ihr genommen wird. Eine traumwandlerische Reise durch die Gedankenwelt des Einsamen beginnt.
Die Berliner Regisseurin Roscha A. Säidow schloss 2013 ihr Studium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch mit dem Diplom ab und gründete 2011 – mit den ebenfalls dort ausgebildeten Puppenspielerinnen und -bauerinnen Magdalena Roth und Franziska Dittrich – das freie Puppenspielkollektiv Retrofuturisten. Bisher entstandene Arbeiten wurden auf renommierten deutschsprachigen Theaterfestivals gezeigt. In der hier vorgestellten Arbeit widmet sich die Gruppe dem poetischen Spiel mit Licht und Schatten. Die durch die Ausstellung gegebenen Schleef-Exponate werden „verändert“; in Klangflächen formieren sich Worte zu Rhythmen, schwellen an zum Schleef‘schen Chor, verhallen in der Dunkelheit eines verschlossenen Ausstellungsraumes. Der Schauspieler Johannes Hubert, der als Gast in der Inszenierung mitwirkt, studierte an der Internationale Schule für Schauspiel und Acting (ISSA) München und spielt zur Zeit am Theater Marburg.
Weitere Informationen unter www.freiflugfilme.de(Externer Link)
Gefördert vom Bezirksamt Pankow Berlin, Amt für Weiterbildung und Kultur, Fachbereich Kunst und Kultur


Nie mehr zurück.
September 1993. Einar Schleef kehrt nach dem Tod seiner Mutter in das nunmehr verlassene Elternhaus in Sangerhausen zurück. Eine Heimkehr und ein Abschied zugleich. Einander widerstrebende Gefühle an ihm vertrauten Orten, in einer vertrauten Geschichte, mit denen der Autor von Gertrud, der Fotograf und Maler, der Regisseur von Wessis in Weimar verwurzelt ist und die für ihn unentrinnbar zum Urgrund, Motiv und Schaffensquell wurden.
Der Regisseur und Kameramann Heiner Sylvester studierte an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg und arbeitete freischaffend als Autor, Kameramann und Regisseur im DEFA-Dokumentarfilmstudio Berlin und für das DDR-Fernsehen. Seit Mitte der 1970er Jahre war er mit Schleef befreundet. Nach der Teilnahme am Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns erhielt Heiner Sylvester Arbeitsverbot beim Fernsehen und nur noch eingeschränkte Arbeitsmöglichkeiten bei der DEFA. 1984 siedelte er nach Hamburg über, wo er freiberuflich als Regisseur und Produzent tätig war.
1991 gründete er in Berlin mit Kollegen die Film- und Fernsehproduktion Transfer-Film. Es entstanden über 80 Filme, viele davon über Künstler, Kunst und Gesellschaft. 1992 erhielt er den Bayerischen Fernsehpreis. Seit 1996 lebt Heiner Sylvester wieder in Berlin.
Im Anschluss:
Einar Schleef liest seine Erzählung HEIMKEHR
Mitschnitt einer Veranstaltung im Berliner Ensemble vom 26. Januar 1993
Kamera Wolfgang Lindig, 30 min


Entweder bin ich irr oder die Welt
Zur Finissage der Ausstellung Kontainer Berlin. Einar Schleef. Zeichnungen stellen wir Ihnen das eindrucksvolle, 2006 mit dem ARD Online-Award und ARD-Hörspielpreis ausgezeichnete Hörspiel von Matthias Baxmann vor.
Basierend auf den Tagebüchern, die Einar Schleef 1953 bis 1963 geführt und bis kurz vor seinem Tod 2001 mehrfach bearbeitet und kommentiert hat, gelingt dieser Produktion eine enge Verknüpfung von Künstlerbiografie und Zeitgeschichte. Es entsteht vor unserem inneren Auge ein Sittenbild vom Aufwachsen in der DDR zwischen Stalins Tod und Mauerbau, zwischen politischer Repression und jugendlicher Auflehnung, zwischen familiärer Enge und Erwachen des Sexus. Dieses Hörspiel lässt uns mit äußerster Klarheit zum Zeugen der Entwicklung eines widersprüchlichen künstlerischen Genies werden. (Aus der Begründung der Jury)
Matthias Baxmann wurde 1957 in Ostberlin geboren. Er ist Diplom-Puppenspieler, arbeitete als Archivar, Graphikdrucker, Spiel- und Theaterpädagoge mit Kindern. Seit Mitte der 1990er Jahre schreibt und produziert er Sendungen für den Hörfunk von ARD und Deutschlandradio. Seine Features und Hörspiele erhielten zahlreiche Preise. So wurde sein Hörspiel, Kein Brief gestern, keiner heute nach Texten von Franz Kafka zum Hörspiel des Jahres 2003 gekürt.

 
 
INFOS & LINKS
Donnerstag, 31. Oktober 2013, 20.00 Uhr
Droge Faust Parsifal
LESUNG
mit Jutta Hoffmann und Wolfgang Behrens

Donnerstag, 14. November 2013, 20.00 Uhr
Fräulein Julie
BILD-TON-COLLAGE und GESPRÄCH
mit Marko Kloß (Collage und Einführung), Annemone Haase, Jutta Hoffmann, Jürgen Holtz und B. K. Tragelehn
Moderation: Friedrich Dieckmann

Donnerstag, 28. November 2013, 20.00 Uhr
Kontainer Berlin
LESUNG
mit Sophie Rois und einer Einführung von Hans-Ulrich Müller-Schwefe

Donnerstag, 12. Dezember 2013, 20.00 Uhr
ver_SCHLIMM_bessern
Premiere | PUPPENSPIEL
Regie und Text: Roscha A. Säidow
Ausstattung: Magdalena Roth, Franziska Dittrich
Spiel: Magdalena Roth, Franziska Dittrich, Johannes Hubert

Freitag, 17. Januar 2014, 20.00 Uhr
Nie mehr zurück.
Der Theatermacher Einar Schleef
FILM | GESPRÄCH
Regie: Heiner Sylvester; Kamera: Wolfgang Lindig
D, 1994, 60 min


Sonntag, 19. Januar 2014, 18.00 Uhr
Entweder bin ich irr oder die Welt
HÖRSPIEL von Matthias Baxmann nach Tagebuch Sangerhausen (1953–1963) und anderen Texten von Einar Schleef
Sprecher: Sylvester Groth und Angelika Domröse
Regie: Ulrich Lampen
Produktion: SWR 2006/Länge 73 Minuten